Heidi Aschenberg
Studium der Romanistik, Philosophie, Germanistik und Allgemeinen Sprachwissenschaft in Bonn, Paris, Tübingen und Salamanca
1982 Promotion in Tübingen
1996 Habilitation in Heidelberg
Lehrstuhlvertretungen in Freiburg und Tübingen
Seit 2003 Lehrtätigkeit in der spanischen Abteilung des Seminars für Übersetzen und Dolmetschen / Heidelberg.

Übersetzen und Dolmetschen
In Corazón tan blanco (1992) / Mein Herz, so weiß (1997) lässt Javier Marías den Protagonisten ein an Sarkasmus kaum zu übertreffendes Bild von dessen beruflicher Tätigkeit zeichnen: Lethargisch vorgetragene Reden, und, gleichgültig in welcher Sprache, immer und überall derselbe langweilige, unverständliche Jargon, das seien die Realitäten, mit denen Übersetzer und Dolmetscher in internationalen Institutionen sich jeden Tag herumzuschlagen hätten. Die Übersetzungen seien allerdings das einzige, was in diesen Organen noch funktioniere, so das bissige Fazit: „Lo cierto es que en esos organismos lo único que en verdad funciona son las traducciones...“.
Wenigstens im Roman an dieser Stelle ein positives Urteil. In unserem Alltag werden die Leistungen von Dolmetschern und Übersetzern in der Regel kaum bzw. gar nicht gewürdigt. Nie wird erwähnt, wer bei einem wichtigen Gipfelgespräch oder bei einer politisch bedeutsamen Konferenz als Dolmetscher tätig war. Und nur selten findet man in Buchbesprechungen wirklich differenzierte Aussagen zur Qualität einer Übersetzung. Die Kritik beschränkt sich meist, wenn der Übersetzer überhaupt genannt wird, auf einige wenige pauschalisierende Bemerkungen.
Dass in der Öffentlichkeit die für das Übersetzen und Dolmetschen notwendigen Kompetenzen unterschätzt werden, liegt auf der Hand. Übersetzen und Dolmetschen sind komplexe, kreative Prozesse. Schon der erste Schritt, das Verstehen des Ausgangstextes, ist nicht bloß reproduktiv. Es handelt sich um einen hermeneutischen Vorgang, an dem verschiedene Formen des Wissens beteiligt sind: Kenntnis der Ausgangssprache, Textwissen und enzyklopädisches Wissen. Der Transfer und die Erstellung des zielsprachlichen Textes erschöpfen sich ebensowenig in einer bloß reproduktiven Handlung, in der Substitution der Sprachzeichen des Ausgangstextes durch die der Zielsprache: auch hier ist wiederum eine sozusagen interaktive Verbindung der verschiedenen Kenntnissysteme erforderlich, jetzt im Hinblick auf die Zielkultur.
Die Translatologie hat diesen Sachverhalten Rechnung zu tragen. Dies gilt sowohl für die Forschung wie auch für die Lehre. Wir brauchen weite Horizonte. Interdisziplinarität ist in vielerlei Hinsicht sinnvoll und notwendig: Verbindungen zur Geschichte, Kulturwissenschaft, Literaturwissenschaft, Medienwissenschaft, Psycholinguistik, Computertechnologie und schließlich zu den Disziplinen der als Sachfächer im Curriculum der Studiengänge Übersetzen und Dolmetschen verankerten Studieninhalte (cf. dazu auch Heidi Aschenberg, „Mäander“, in: Wolfgang Pöckl, Übersetzungswissenschaft. Dolmetschwissenschaft. Wege in eine neue Disziplin. Wien, Edition Praesens, 2004, 37-41).

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