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Stichwort:
Übersetzung Seit
der Antike ist die Tätigkeit des Übersetzens begleitet von theoret. Reflexion
(von Cicero über Horaz und
Hieronymus, den Schutzpatron der Übersetzer,
Augustinus, Quitilian, Luther, Goethe, J.G.
Herder, F. Schleiermacher, W. von Humboldt bis hin zu W.
Benjamin, H,-G. Gadamer und G.
Steiner), die sich zw. den klass. Gegensätzen von wörtlichem/sinngemäßem,
treuem/freiem, verfremdendem/einbürgerndem Übersetzen bewegt, wobei
entsprechend die prinzipielle Übersetzbarkeit oder Unübersetzbarkeit
propagiert wird. Die
Verwissenschaftlichung der Debatte setzte nach dem Zweiten Weltkrieg ein. Aus
der Notwendigkeit einer Systematisierung und Rentabilisierung heraus entstanden
Übersetzerschulen und -studiengänge (in Dtl. an den Univ. Heidelberg,
Mainz-Germersheim, Saarbrücken); dem Bedürfnis nach Austausch und
Weiterbildung tragen Übersetzerakademien und -kongresse (Straelen, Arles)
Rechnung, dem nach ökonomisch-sozialer Anerkennung die Schaffung von Berufsverbänden
(BDÜ: Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer; VdÜ: Verband
deutschsprachiger Übersetzer literar. und wiss. Werke). Die
moderne Ü.-Wissenschaft (Translatologie, Translatorik) beschäftig sich mit
Human- und maschineller (maschinengestützter) Ü. Während die Ü.-Theorie oder
allgemeine Ü.-Wissenschaft die grundsätzliche Problematik des Übersetzens
behandelt, erarbeitet die sprachenpaarbezogene Ü.-Wissenschaft systematisch Ü.-einheiten
und potentielle Ü.-Äquivalente im kontrastiven Vergleich von Ziel- und
Ausgangssprache; die textbezogene Ü.-Wissenschaft stellt die Methodik für eine
übersetzungsrelevante Textanalyse und Textsortenklassifikation bereit. Die
prozeßorientiere Ü.-Wissenschaft analysiert die mentalen Abläufe beim Vorgang
des Dolmetschens und Übersetzens; die wiss. Ü.-Kritik ist um die
Objektivierbarkeit von Bewertungskriterien bemüht. Fernziel der angewandten Ü.-Wissenschaft
ist die Erstellung von Ü.-Wörterbüchern; auf die Ergebnisse aus diesen
Teildisziplinen greift die Didaktik des Übersetzens zurück; in ihrer histor.
Dimension umfaßt die Ü.-Wissenschaft eine theoriegeschichtliche und eine übersetzungs-
und rezeptionsgeschichtliche Komponente. - Die Publikation der Ü. wird seit
1932 vom Index translationum (seit 1949 im Auftrag der UNESCO) erfaßt. Geschichtliches:
Die ältesten erhaltenen Ü. reichen ins 3. Jahrtsd. v. Chr. zurück (altbabylon.
Inschriftentafeln religiösen und administrativen Gehalts in sumer. und akkad.
Sprache). Jahrtausendelang dominierte - neben Texten wiss. und administrativen
Charakters - die Ü. der religiösen Literatur. Septuaginta, Vulgata,
Wulfilabibel waren Meilensteine auf dem Weg der Bibel-Ü.; sie kulminiert in Dtl.
in der Lutherbibel, die die Grundlagen für die neuhochdt. Schriftsprache schuf.
Ein weiterer Hauptstrom der europ. Ü.-Geschichte ist das kontinuierl. Bemühen
um die Aktualisierung und Anverwandlung der geistigen Vorbilder der Antike durch
wiederholte Ü. ihrer Texte, die für Dtl. im 18. Jh. ihren Höhepunkt
erreichte: so wurden Homer von J.
H. Voss, Platon von F.
Schleiermacher, Sophokles von F. Hölderlin,
Aischylos von W. von Humboldt,
Cicero und Horaz
von C. M. Wieland übersetzt. Die
bedeutendsten Dichter, Philosophen und Philologen waren im 18. Jh. auch als Übersetzer
tätig; ins Zentrum des Interesses rückten neben den antiken Autoren zunehmend
die Klassiker der europ. Literatur: so wurden J. Racine von Schiller,
B. Cellini von Goethe, P. cAlderón
de la Barca von Voltaire,
Shakespeare von C. M. Wieland, A.W.
von Schlegel und L. Tieck
(der mit seiner Tochter Dorothea
und W. Graf von Baudissin Schlegels
Übersetzung weiterführte), Dante
von A. W. von Schlegel und M.
de Cervantes Saavedra von Tieck
übersetzt. Zur sich konstituierenden >Weltliteratur< zählt auch die
literar. Ü. aus strukturfernen Sprachen, wie sie sich seit dem 18. Jh.
etablierte, so aus dem Sanskrit (die Bhagavadgita in der Ü. von A.W.
von Schlegel), dem Persischen (Djalal
od-Din Rumi nachgedichtet von F. Rückert,
Hafis von Goethe) und dem
Arabischen (die Makamen des Hariri,
übertragen von Rückert). Eine
neue Herausforderung stellt gegenwärtig nicht zuletzt die experimentelle
Literatur der Moderne und Postmoderne mit ihren formalen und stilist.
Innovationen dar (z.B. J. Joyce mit
>Ulysses< und >Finnegan’s wake<). J. Albrecht: Linguistik u. Ü. (1973); H.
Meschonnic: Pour la poétique, Bd. 2: Epistémologie de l’écriture. Poétique
de la traduction (Paris 1973); J. C.
Catford: A linguistic theory of translation (London 41974); J.-R.
Ladmiral: Traduire. Théorèmes
pour la traduction (Paris 1979); P.
Newmark: Approaches to translation (Oxford 1981, Nachdr. ebd. 1986); G.
Steiner: Nach Babel. Aspekte der Sprache u. der Ü. (a.d. Engl., 1981); K.
Reiss: Texttyp u. Ü.-Methode. Der operative Text (21983);
dies. u. H. J. Vermeer: Grundlegung
einer allg. Translationstheorie
(1984); J.-P. Vinay u. J.
Darbelnet: Stylistique comparée du français et de l’anglais. Méthode
du traduction (Neuausg. Paris
1985); K. Dedecius: Vom Übersetzen
(1986); Ü.-Wiss. - eine Neuorientierung. Zur Integrierung von Theorie u.
Praxis, hg. v. M. Snell-Hornby
(1986); Göttinger Beitr. zur internat. Ü.-Forschung, auf mehrere Bde. ber.
(1987 ff.); C. Nord: Textanalyse u.
Übersetzen. Theoret. Grundl., Methode u. didakt. Anwendung einer übersetzungsrelevanten
Textanalyse (1988); D. Seleskovitch:
Der Konferenzdolmetscher (a.d. Frz., 1988); W.
Koller: Einf. in die Ü.-Wiss. (41992); R.
Stolze: Hermeneut. Übersetzen (1992); H.
J. Vermeer: Skizzen zu einer Gesch. der Translation, 2 Bde. (1992). - Zeitschrift: Actes
des assises de la traduction littéraire (Arles 1985 ff.).
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