Stichwort: Übersetzung
(Brockhaus Enzyklopädie
in 24 Bänden. 19., völlig neu bearb. Auflage, Band 22, S. 543, Mannheim: Brockhaus 1993) - (Regina Keil)

          Übersetzung, 2) Philologie: schriftliche Form der Vermittlung eines Textes durch Wiedergabe in einer anderen Sprache unter Berücksichtigung bestimmter Äquivalenzforderungen. Zu differenzieren sind einerseits die interlinguale (Ü. von einer Sprache in eine andere), die intersemiot. (Ü. von einem Zeichensystem in ein anderes, z.B. vom Text ins Bild) und die intralinguale Ü. (Ü. von einer Sprachstufe in eine andere, z.B. vom Althochdeutschen ins Neuhochdeutsche, vom Dialekt in die Standard- oder Hochsprache), andererseits umfaßt der Oberbegriff die unterschiedlichsten Typen von Ü., z.B. Glossen, Interlinearversion, Übertragung (Bearbeitung), Nachdichtung (Adaption) oder auch Neuvertextung (z.B. Filmsynchronisation).

Seit der Antike ist die Tätigkeit des Übersetzens begleitet von theoret. Reflexion (von Cicero über Horaz und Hieronymus, den Schutzpatron der Übersetzer, Augustinus, Quitilian, Luther, Goethe, J.G. Herder, F. Schleiermacher, W. von Humboldt bis hin zu W. Benjamin, H,-G. Gadamer und G. Steiner), die sich zw. den klass. Gegensätzen von wörtlichem/sinngemäßem, treuem/freiem, verfremdendem/einbürgerndem Übersetzen bewegt, wobei entsprechend die prinzipielle Übersetzbarkeit oder Unübersetzbarkeit propagiert wird.

Die Verwissenschaftlichung der Debatte setzte nach dem Zweiten Weltkrieg ein. Aus der Notwendigkeit einer Systematisierung und Rentabilisierung heraus entstanden Übersetzerschulen und -studiengänge (in Dtl. an den Univ. Heidelberg, Mainz-Germersheim, Saarbrücken); dem Bedürfnis nach Austausch und Weiterbildung tragen Übersetzerakademien und -kongresse (Straelen, Arles) Rechnung, dem nach ökonomisch-sozialer Anerkennung die Schaffung von Berufsverbänden (BDÜ: Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer; VdÜ: Verband deutschsprachiger Übersetzer literar. und wiss. Werke).

Die moderne Ü.-Wissenschaft (Translatologie, Translatorik) beschäftig sich mit Human- und maschineller (maschinengestützter) Ü. Während die Ü.-Theorie oder allgemeine Ü.-Wissenschaft die grundsätzliche Problematik des Übersetzens behandelt, erarbeitet die sprachenpaarbezogene Ü.-Wissenschaft systematisch Ü.-einheiten und potentielle Ü.-Äquivalente im kontrastiven Vergleich von Ziel- und Ausgangssprache; die textbezogene Ü.-Wissenschaft stellt die Methodik für eine übersetzungsrelevante Textanalyse und Textsortenklassifikation bereit. Die prozeßorientiere Ü.-Wissenschaft analysiert die mentalen Abläufe beim Vorgang des Dolmetschens und Übersetzens; die wiss. Ü.-Kritik ist um die Objektivierbarkeit von Bewertungskriterien bemüht. Fernziel der angewandten Ü.-Wissenschaft ist die Erstellung von Ü.-Wörterbüchern; auf die Ergebnisse aus diesen Teildisziplinen greift die Didaktik des Übersetzens zurück; in ihrer histor. Dimension umfaßt die Ü.-Wissenschaft eine theoriegeschichtliche und eine übersetzungs- und rezeptionsgeschichtliche Komponente. - Die Publikation der Ü. wird seit 1932 vom Index translationum (seit 1949 im Auftrag der UNESCO) erfaßt.

Geschichtliches: Die ältesten erhaltenen Ü. reichen ins 3. Jahrtsd. v. Chr. zurück (altbabylon. Inschriftentafeln religiösen und administrativen Gehalts in sumer. und akkad. Sprache). Jahrtausendelang dominierte - neben Texten wiss. und administrativen Charakters - die Ü. der religiösen Literatur. Septuaginta, Vulgata, Wulfilabibel waren Meilensteine auf dem Weg der Bibel-Ü.; sie kulminiert in Dtl. in der Lutherbibel, die die Grundlagen für die neuhochdt. Schriftsprache schuf. Ein weiterer Hauptstrom der europ. Ü.-Geschichte ist das kontinuierl. Bemühen um die Aktualisierung und Anverwandlung der geistigen Vorbilder der Antike durch wiederholte Ü. ihrer Texte, die für Dtl. im 18. Jh. ihren Höhepunkt erreichte: so wurden Homer von J. H. Voss, Platon von F. Schleiermacher, Sophokles von F. Hölderlin, Aischylos von W. von Humboldt, Cicero und Horaz von C. M. Wieland übersetzt. Die bedeutendsten Dichter, Philosophen und Philologen waren im 18. Jh. auch als Übersetzer tätig; ins Zentrum des Interesses rückten neben den antiken Autoren zunehmend die Klassiker der europ. Literatur: so wurden J. Racine von Schiller, B. Cellini von Goethe, P. cAlderón de la Barca von Voltaire, Shakespeare von C. M. Wieland, A.W. von Schlegel und L. Tieck (der mit seiner Tochter Dorothea und W. Graf von Baudissin Schlegels Übersetzung weiterführte), Dante von A. W. von Schlegel und M. de Cervantes Saavedra von Tieck übersetzt. Zur sich konstituierenden >Weltliteratur< zählt auch die literar. Ü. aus strukturfernen Sprachen, wie sie sich seit dem 18. Jh. etablierte, so aus dem Sanskrit (die Bhagavadgita in der Ü. von A.W. von Schlegel), dem Persischen (Djalal od-Din Rumi nachgedichtet von F. Rückert, Hafis von Goethe) und dem Arabischen (die Makamen des Hariri, übertragen von Rückert). Eine neue Herausforderung stellt gegenwärtig nicht zuletzt die experimentelle Literatur der Moderne und Postmoderne mit ihren formalen und stilist. Innovationen dar (z.B. J. Joyce mit >Ulysses< und >Finnegan’s wake<).

J. Albrecht: Linguistik u. Ü. (1973); H. Meschonnic: Pour la poétique, Bd. 2: Epistémologie de l’écriture. Poétique de la traduction (Paris 1973); J. C. Catford: A linguistic theory of translation (London 41974); J.-R. Ladmiral: Traduire. Théorèmes pour la traduction (Paris 1979); P. Newmark: Approaches to translation (Oxford 1981, Nachdr. ebd. 1986); G. Steiner: Nach Babel. Aspekte der Sprache u. der Ü. (a.d. Engl., 1981); K. Reiss: Texttyp u. Ü.-Methode. Der operative Text (21983); dies. u. H. J. Vermeer: Grundlegung einer allg. Translationstheorie (1984); J.-P. Vinay u. J. Darbelnet: Stylistique comparée du français et de l’anglais. Méthode du traduction (Neuausg. Paris 1985); K. Dedecius: Vom Übersetzen (1986); Ü.-Wiss. - eine Neuorientierung. Zur Integrierung von Theorie u. Praxis, hg. v. M. Snell-Hornby (1986); Göttinger Beitr. zur internat. Ü.-Forschung, auf mehrere Bde. ber. (1987 ff.); C. Nord: Textanalyse u. Übersetzen. Theoret. Grundl., Methode u. didakt. Anwendung einer übersetzungsrelevanten Textanalyse (1988); D. Seleskovitch: Der Konferenzdolmetscher (a.d. Frz., 1988); W. Koller: Einf. in die Ü.-Wiss. (41992); R. Stolze: Hermeneut. Übersetzen (1992); H. J. Vermeer: Skizzen zu einer Gesch. der Translation, 2 Bde. (1992). - Zeitschrift: Actes des assises de la traduction littéraire (Arles 1985 ff.).

 

 

 

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