Theorien der Übersetzungswissenschaft
Die in der Übersetzungswissenschaft geführte Theoriediskussion
ist dadurch gekennzeichnet, dass sie immer
wieder auf eine Vielzahl von Faktoren, die im Übersetzungsprozess eine Rolle
spielen und die erst im Laufe der Zeit in das Bewusstsein der
Übersetzungswissenschaftler gedrungen sind, zurückgreift. Diese Faktoren sind vielfältig
und könnten ohne weiteres ein einziges Theoriegebäude bilden, was auch in den
Ansätzen schon im Translatorischen
Handlungsinventar getan wurde. Im Rahmen
der geführten Auseinandersetzungen ist jedoch jede Theorie am ehesten
dadurch gekennzeichnet, dass sie ihre jeweils als relevant erachteten
Gesichtspunkte wie z.B. die "Übersetzung als kommunikative Handlung"
anzusehen, als ein "sprachliches Verhalten" zu bewerten, als einen
"Problemlösungsprozess" zu analysieren oder einfach als "produktorientiert"
anzusehen, in den Vordergrund
stellt, andere Facetten dagegen vernachlässigt.
Nach
Wills wird so die übersetzungstheoretische Diskussion immer wieder zu einer
Auseinandersetzung über die "relevanten" Bezugspunkte mit der
besonderen Eigenart, dass man sich endlos die Köpfe darüber heiß reden
kann, ob die jeweils in Anspruch genommene Theorieperspektive auch die richtige
sei. (Wilss, 1984:6) Man redet von Theorie; man versucht, Theorien oder
wenigstens Theorieansätze zu entwickeln, polemische Theorie-Diskussionen zu
führen oder gar meta-theoretisch [...] zu Theorien Stellung zu beziehen und
alles theoretisch nicht fundierte in geradezu ideologischer Manier als
"vortheoretisch" abzuqualifizieren. Die Untersuchung der
sprachlichen Wirklichkeit trat nach Wills hinter theoretischen Überlegungen, sei es im
generativen, valenztheoretischen oder sprechakttheoretischen oder neuerdings
auch im Handlungstheoretischen Kontext, deutlich zurück. [...] Wer - zu
Recht oder zu Unrecht - ein "Theoriedefizit" bescheinigt bekam, so
Wills, galt als diskussionsunfähig; nicht minder überheblich war die ausschließliche
Bewertung wissenschaftlicher Arbeit nach dem Grad ihrer "Theoriebewusstheit".
(Wilss, 1984:3)
Auch heute noch, so habe ich den Eindruck, wird gelegentlich in der Lehre, entsprechend der Wills´schen Kritik an theoretischen Überlegungen, verfahren. (H. Sagawe)
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