Translationswissenschaft und Soziologie

    Die sozialen Entstehungs- und Aufnahmebedingungen von Translaten sind in der Translationswissenschaft bisher nur unzureichend erforscht worden. Wird davon ausgegangen, dass die Selektion, Produktion, Distribution und Rezeption von Übersetzungen in Prozesse sozialen Handelns eingebunden sind, so sind die an diesen Prozessen beteiligten Akteurinnen und Akteure sowohl als konstruierende als auch konstruierte Subjekte zu sehen. Eine solche Sicht von Translation als soziale Praxis lenkt den Blick auf die gesellschaftsbezogenen Dimensionen des Übersetzens und Dolmetschens. Für eine Bearbeitung dieses bedeutenden Forschungsfeldes ist zunächst eine systematische Sichtung der sozialen Faktoren, die den – so weit wie möglich gefassten – Übersetzungsprozess bedingen, notwendig. Zu diesem Zweck ist die Diskussion zahlreicher Fragestellungen unerlässlich, die das translatorische Handlungsgefüge ausleuchten.
    Langfristiges Ziel der Konzeptualisierung einer allgemeinen Translationssoziologie soll sein, einen umfassenden, von empirischen Studien untermauerten theoretischen und methodischen Rahmen zu erarbeiten, mit dem die sozialen Implikationen des Translationsprozesses in ihren jeweiligen Kontexten analysiert werden können.

     Mögliche Fragestellungen:
    - Aus welchen Perspektiven wurden bisher translationssoziologische Überlegungen angestellt?
    - Inwieweit können Modelle aus der Soziologie die Übersetzungswissenschaft erweitern?
    - Welche theoretischen und methodischen Impulse kamen bisher aus der Kultursoziologie? Wie können diese (besser) fruchtbar gemacht werden?
    - Welche Anstöße kommen aus der Literatursoziologie?
    - In welche Modelle kann Translation als soziale Praxis gefasst werden? (Wobei besonders darauf zu achten ist, dass der Prozesscharakter von Übersetzung berücksichtigt wird.)
    - Wie weit sind bestehende Normenkonzepte für die Erarbeitung einer Translationssoziologie anwendbar?
    - In welchen Machtbeziehungen stehen die in den Translationsprozess eingebundenen Akteurinnen und Akteure?
    - Die Rolle der verschiedenen Vermittlungsinstanzen im gesellschaftlichen Kontext: Wie sieht die Beschaffenheit dieser sozialen Netzwerke im Detail aus?
    - Was sind die Funktionsbedingungen von Translationsmärkten? Wie laufen Legitimationsmechanismen in Translationsmärkten ab?
    - Was bedingt die (sozial relevanten) Entscheidungen von TranslatorInnen? Wie wirken „äußere“ soziale Bedingungen auf translatorische Entscheidungen ein?
    - Welche übersetzungssoziologischen Fragestellungen können für eine historisch orientierte Übersetzungswissenschaft relevant sein?

    Text wurde übernommen aus:
    Gesellschaft für Österreichische Soziologie: Übersetzen und Dolmetschen als soziale Praxis

     

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